Fachkräftemangel: Ingenieure fehlen
Die im internationalen Leistungsvergleich guten Noten in den Naturwissenschaften
ermuntern deutsche Schüler noch lange nicht, ein
entsprechendes Studium aufzunehmen. Gerade technisch Hochqualifizierte
sucht man auf dem deutschen Arbeitsmarkt oft vergeblich. Weil
dadurch viele Stellen unbesetzt blieben und die Unternehmen deshalb
sogar Aufträge ablehnen mussten, gingen der deutschen Volkswirtschaft
im vergangenen Jahr 18,5 Milliarden Euro Wertschöpfung verloren.
Forschungs- und wissensintensiv soll
die Gesellschaft sein, auf die sich der
Strukturwandel schon seit Jahren hinbewegt.
Akademiker, Techniker und Meister
sind für die Unternehmen dabei unverzichtbar,
wenn sie im globalen Wettbewerb
mithalten wollen. Doch genau
diese klugen Köpfe fehlen in Deutschland:
Jobs bleiben unbesetzt, weil sich
niemand Qualifiziertes dafür finden
lässt.
Zwar gibt es durchaus fitte deutsche
Schüler in den technisch-naturwissenschaftlichen
Fächern – wie der OECD-Bildungsvergleich
PISA bestätigt. Damit
aber mehr Schüler auch später im Beruf
Lust an Quarks, Atomen oder Relativitätstheorie
entwickeln, müssten sich die
Rahmenbedingungen verbessern.
Technikabsolventen gefragt
Die klugen Köpfe gehen nach
dem Abitur irgendwo verloren.
Zumindest erwecken die mauen
Zahlen der Hochschulabsolventen
in Mathematik, Informatik,
Naturwissenschaften und
Technik diesen Anschein.
So kamen nach Angaben der
OECD auf 1.000 Beschäftigte
im Jahr 2005 hierzulande nicht einmal
zwei frischgebackene Absolventen, die
einen ingenieur- und naturwissenschaftlichen
Hochschulabschluss in
der Tasche hatten.
Noch schwächer schneiden von den
OECD-Ländern nur Österreich, Ungarn
und die Türkei ab. Die PISA-Spitzenreiter
hingegen liegen auch hier wieder
vorn:
In Japan stehen 2,5 Absolventen der
technikaffinen Studienfächer 1.000 Beschäftigten
gegenüber – in Finnland
sind es 4,9 und in Südkorea sogar 5,1.
Dass es in Deutschland so an Hochqualifizierten
in den Naturwissenschaften
mangelt, liegt zum einen an den geringen
Studienanfängerzahlen – hierzulande
beginnen nur 36 Prozent eines Jahrgangs
überhaupt ein Studium.
Zum anderen brechen viele ein technisches
Studium ab.
Die geringe Zahl an Technikabsolventen
müsste vor allem Deutschlands
Exportwirtschaft Sorgen bereiten. Gerade
die außenhandelsintensiven Branchen
sind auf ein breites technisches Know-how
angewiesen.
Damit haben diejenigen Nachwuchskräfte
besonders gute Karten auf dem
Arbeitsmarkt, die sich für ein naturwissenschaftliches
Studium oder für die
Ingenieurwissenschaften
entschieden
haben und die Hochschule erfolgreich
verlassen. Zumal sie von den Unternehmen
als sehr kompetent eingestuft werden.
Eine aktuelle Befragung von 1.600
Betrieben im Rahmen des IW-Zukunftspanels
zeigt, dass die Betriebe mit den
in Deutschland ausgebildeten Ingenieuren
und Naturwissenschaftlern zufrieden
sind.
Rund zwei Drittel der befragten
Firmen schätzen die Kompetenz dieser
Fachkräfte als gut oder sehr gut ein.
Ingenieure vergleblich gesucht
An Qualität fehlt es also nicht, aber
an Quantität: Über das gesamte Jahr 2006
gesehen blieben 165.000 Jobs für Hochqualifizierte
unbesetzt – 83 Prozent davon
waren Stellen für Absolventen der
Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften
und Technik.
Zusätzlich zu den
nicht besetzbaren Jobs
hatten die Unternehmen
im vergangenen Jahr bei
weiteren 65.000 Stellen
Probleme, die passenden
Arbeitskräfte zu finden.
Auch hier hatten
die Personaler vor allem
ihre liebe Not, technischnaturwissenschaftlich
versierte
Kandidaten zu
finden.
Und immer noch geben
zwei von drei Unternehmen
an, dass Ingenieure
und Fachkräfte ähnlicher
Richtung auf dem
Arbeitsmarkt schlecht
oder sehr schlecht zu
finden sind. Überraschend
ist das kaum, ist
doch die Zahl von Absolventen ingenieurwissenschaftlicher
Studiengänge seit
1995 von 50.000 auf 40.000 im Jahr
2006 gesunken.
Fachkräftemangel bringt Unternehmen Verluste
Der Fachkräftemangel schadet den
Unternehmen in Deutschland gewaltig:
Verwaiste Arbeitsplätze führten
im
Jahr 2006 in der deutschen Volkswirtschaft
zu einem Wertschöpfungsverlust
von 18,5 Milliarden Euro – das
entspricht 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Für drei Viertel der unbesetzten Stellen
fanden sich keine geeigneten Bewerber.
Besonders stark betroffen waren die
unternehmensnahen Dienstleistungen,
deren Firmen – Ingenieurbüros, Logistikunternehmen,
Forschungslabore etc. –
Entwicklungs- und Serviceaufträge für
die klassischen Industriebranchen zu vergeben hatten.
In jedem dritten Unternehmen kletterten
als Konsequenz des Fachkräfteengpasses
die Kosten in die Höhe,
beispielsweise durch die nötigen Überstunden.
Jede vierte Firma musste
sogar Aufträge ablehnen.
Für viele Betriebe war der einzige
Weg aus der Fachkräftemisere, das eigene
Personal weiterzubilden. Nahezu die
Hälfte der befragten Unternehmen schickte
die Mitarbeiter auf Seminare, um sie
fit für weitere Aufgaben zu machen.
Eine Verlagerung der betroffenen Abteilungen
in andere Länder
zieht hingegen nur ein geringer Anteil
der Firmen
in Erwägung. Nicht zuletzt
die gute Ausbildungsqualität der hochspezialisierten
Arbeitskräfte ist dabei
einer der entscheidenden Standortvorteile
Deutschlands.
IW Köln, 2007
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